Sandra Ondraschek-Norris
It has been said that certain experiences prove too abstract for words. When it comes to the creative process behind her work, Sandra Ondraschek-Norris would agree. Despite the years she has focused professionally on the weight and meaning of the written/spoken word, there is something she has always found admirable about silence and the simple honesty of doing. There is much to be learned, she thinks, from the way Aboriginal artists purportedly create, walk away and move onto something new. For Norris this makes sense: there is pleasure in creative momentum, in forgoing the urge to explain or post-rationalize. Unsurprisingly, she thinks of her work as neither personal manifesto nor social critique, but as a step towards another step. And as much a reflection of her present as her past.
Born in 1965, Norris grew up on a remote farm on the coast of County Donegal, Ireland. With her father a farmer and mother a primary school teacher, the youngest of five recalls a childhood shaped by the forces of nature. She was surrounded by a lush yet severe landscape, the ever-changing patterns of the sea, and shifting light and shadows. There was nature and little else, and for Norris it was both confining and infinite, a source of melancholy and possibility.
While the landscapes of Norris’ youth were at the mercy of the elements, she was also influenced by a different kind of instability. Although her community belonged politically to the predominantly Roman Catholic Irish Republic, in geography and culture it was closer to Northern Ireland, where relatives and friends resided. Growing up at the start of the “Troubles” did not directly taint home and family life, but she was hardly isolated. Her family was Methodist – in effect a minority of a minority – and Norris believes this outsider status seeded an awareness of and eventual comfort with contrasts and tension. There could not be one truth because around her were many. That others should resort to violence in defence of one religion was, in her young eyes, wildly perplexing.
Amidst this backdrop of beauty and conflict, Norris began to develop artistically. By the time she was in her late teens, however, the Troubles and death in the family changed her course. Compelled to make sense of events both incomprehensible and painful, she turned away from art: the urge to understand outweighed the urge to express. She devoted herself to the study of psychology and building up a rich, varied professional life – one which would take her well beyond the scope of her youth. For over two decades, Norris tapped into her intricate understanding of people through the practice of psychology, counselling and communications work with individuals, groups and companies. While living in Oxford and later New York, she enrolled in art classes though never completed formal training. She kept resorting to the intellect – reason, language, logic – to fill the silence that had followed her since her youth. Over time, however, the more she worked with others to define and develop their true selves, the less she could ignore her own voice, one which could not be so easily articulated.
In 2005, Norris returned to painting and drawing with passion, freedom and a wry sense of inevitability. She creates mostly semi-abstract works in acrylic-on-canvas. Rather than pursuing representations of physical reality, Norris creates intuitively, applying colour in layers and waiting for the work to emerge. She enjoys subverting expectations by exploring absence and omission – painting a landscape and then scratching out parts of it. This creates movement and tension within the traces of stone, heather and sky. The aesthetics of her childhood, after all, were neither predictable nor delicate.
Living outside Zurich, Switzerland, Norris continues to develop artistically with fervour, as if to make up for the hiatus. Yet there is no regret: time, along with distance from her homeland, has given her the space and permission to create outside the parameters of the familiar. The shifting colours and textures of the Zürichsee remind her of the landscapes and contradictions embedded in her experience, which, in the end, can never be fully understood.
Text: Daryl Miller
Es heisst, bestimmte Erlebnisse seien zu abstrakt, um sich in Worte fassen zu lassen. Was den kreativen Prozess ihrer Arbeit betrifft, würde Sandra Ondraschek-Norris dem zustimmen. Trotz all der Jahre, in denen sie sich beruflich auf Gewicht und Bedeutung des geschriebenen und gesprochenen Wortes konzentrierte, hat das Schweigen und das einfache Tun etwas, was sie schon immer bewundert hat. Man kann viel von Aborigines-Künstlern lernen, so meint sie, von der Art, wie sie vermeintlich gestalten, sich abwenden und weggehen und etwas Neues beginnen. Für Norris ergibt das einen Sinn: Es liegt Vergnügen darin, dem kreativen Impuls nachzugeben, nicht aber dem Drang zur Erklärung oder zur vernunftmässigen Begründung. So verwundert es nicht, dass sie in ihrer Arbeit weder persönliches Manifest noch Sozialkritik sieht, sondern vielmehr einen Schritt in Richtung des nächsten Schritts – und eine Reflexion ihrer Gegenwart und Vergangenheit.
Geboren wurde Norris 1965 und wuchs auf einer abgelegenen Farm an der Küste von County Donegal in Irland auf. Ihr Vater war Farmer und ihre Mutter Grundschullehrerin, und als die Jüngste von fünf Geschwistern erinnert sie sich an eine Kindheit, die von den Gewalten der Natur beherrscht wurde – umgeben von einer üppigen und doch strengen Landschaft, dem sich stets verändernden Meer und dem Wechsel von Licht und Schatten. Es gab die Natur und sonst kaum etwas, und für Norris war die Natur sowohl einengend als auch unendlich, eine Quelle der Melancholie und der Möglichkeiten.
Die Landschaften ihrer Jugend waren den Elementen ausgesetzt, und Norris wurde noch von einer anderen Art Instabilität geprägt: Ihre Gemeinde gehörte zwar politisch zur vorrangig römisch-katholischen Republik Irland, lag jedoch geografisch und kulturell näher bei Nordirland, wo Verwandte und Freunde wohnten. Dass sie zu Beginn der politischen „Unruhen“ aufwuchs, beeinträchtigte ihr Familienleben zwar nicht direkt, doch war sie kaum isoliert. Ihre Angehörigen waren Methodisten – eine Minderheit innerhalb einer Minderheit. Norris glaubt, dass dieser Aussenseiterstatus in ihr ein Bewusstsein von Kontrasten und Spannungen geweckt hat, mit denen sie später gut zurechtkam. Es konnte nicht eine Wahrheit geben, denn um sie herum waren viele. Dass Menschen eine Religion mit Gewalt verteidigten, war nach ihrer jugendlichen Auffassung äusserst verblüffend.
Vor diesem Hintergrund von Schönheit und Konflikt begann Norris’ künstlerische Entwicklung. Als fast erwachsener Teenager schlug sie jedoch aufgrund der politischen Unruhen und eines Todesfalls in ihrer Familie einen anderen Weg ein: Sie musste einen Sinn in diesen unverständlichen und schmerzhaften Ereignissen suchen und wandte sich von der Kunst ab. Der Drang zu verstehen war grösser als der Drang, sich auszudrücken. Sie widmete sich dem Studium der Psychologie und schuf sich ein ausgefülltes, abwechslungsreiches Berufsleben bis weit in ihre Erwachsenenjahre hinein.
Mehr als zwei Jahrzehnte lang nutzte Norris ihr feines Verständnis für die Menschen, indem sie Psychologie, Beratung und Kommunikationsarbeit mit Einzelpersonen, Gruppen und Firmen praktizierte. Als sie in Oxford und später in New York lebte, nahm sie Kunstunterricht, schloss aber nie eine formale Ausbildung ab. Immer wieder griff sie zurück auf den Intellekt – auf Vernunft, Sprache, Logik, um das Schweigen zu füllen, das sie seit ihrer Jugend verfolgte. Mit der Zeit jedoch, je mehr sie mit anderen Menschen daran arbeitete, deren wahres Selbst zu finden und zu fördern, konnte sie ihre eigene Stimme immer weniger ignorieren, jene Stimme, die sich nicht leicht artikulieren liess.
2005 kehrte Norris zur Malerei und zum Zeichnen zurück, mit Leidenschaft, frei und mit dem trockenen Gefühl der Unvermeidbarkeit. Sie schafft überwiegend halbabstrakte Werke in Acryl auf Leinwand. Dabei strebt sie nicht nach der Darstellung der physikalischen Realität, sondern gestaltet intuitiv, trägt die Farbe in Schichten auf, wartet, wie das Werk zum Vorschein kommt. Es macht ihr Spass, subversiv mit Erwartungen umzugehen, indem sie mit Abwesenheit und Auslassung arbeitet. Sie malt eine Landschaft und kratzt dann Teile heraus. So entstehen Bewegung und Spannung in den Spuren von Stein, Heide und Himmel. Schliesslich war die Ästhetik ihrer Kindheitslandschaften weder berechenbar noch lieblich.
Norris lebt in der Schweiz ausserhalb von Zürich und entwickelt sich künstlerisch mit einem solchen Eifer weiter, als wolle sie die Unterbrechung wettmachen. Aber es gibt nichts zu bedauern: Zeit und Entfernung von ihrem Heimatland haben ihr Raum und die innere Erlaubnis geschaffen, ausserhalb der vertrauten Parameter schöpferisch tätig zu sein. Die wechselnden Farben und Strukturen des Zürichsees erinnern sie an die in ihrer Erfahrung verankerten Landschaften und Widersprüche, die letztlich niemals vollkommen zu verstehen sind.
Text: Daryl Miller